Unterschiedliche Wege zu bester Unterhaltung beschritten

Unterschiedliche Wege zu bester Unterhaltung beschritten
Peter Carle 2. Dez. 1995 in Göppinger Rundschau

Jubiläumskonzert des Musikvereins Uhingen mit der "Senseler" Musikkapelle Volders in Tirol in der Haldenberghalle

Wer den Raum betritt, dem verschlägt es zunächst beinahe die Sprache. Alles ist in gleißendes Licht getaucht. Riesige gelbe Entlüftungsrohre schlängeln sich an der Ecke und an den Seiten herab. Dazu kontrastieren die Wände frühlingsgrün, dazwischen das triste Elefantengrau nackten Betons. Der erste Gedanke: Ein Spielzimmer für Riesenkinder. Auch weitere Erklärungsversuche sind nicht überzeugend, denn die Lösung ist vielschichtiger: Das ist eine "Mehrzweckhalle", welche neben den Zwecken Sport und Gemeindeversammlungen den Zweck "Konzertsaal" für ein Jubiläums- konzert des Musikvereins Uhingen, erfüllen sollte und entsprechend präpariert wurde. Dieses stand unter dem Motto "25 Jahre Musikverein Uhingen" und fand am vergangenen Samstag in der Haldenberghalle in Uhingen unter Mitwirkung der "Senseler" Musikkapelle Volders (Tirol) statt. Wenn man sich Einleitendes vor Augen hält, ist es eigentlich unvorstellbar, was die beiden Orchester an jenem Abend geleistet haben. Es gelang ihnen nämlich, trotz der geschilderten optischen Irritationen und den akustischen Unzumutbarkeiten so etwas wie eine Atmosphäre zu schaffen, die es dem Publikum ermöglichte, einen durchweg ansprechenden und unterhaltenden Abend zu erleben. Dabei erreichte dies jedes Orchester auf seine eigene, ausgesprochen unterschiedliche Weise.

Das Blasorchester aus Uhingen unter der Leitung seines Dirigenten Bruno Milder wählte dazu den Pfad der leisen und differenzierten Töne. Als Beispiel soll die "Ouvertüre in C" von Charles Simon Catel aus dem Jahr 1792 dienen, welche nach dem "Festhymnus" (F. Silcher) erklang. Dieses Werk in der einfachen Sonatenform wird neben mächtigen Orchestertutti hauptsächlich durch kammermusikalisch anmutende Teile geprägt. Mit motivischthematischer Arbeit dienen sie besonders den Modulationen. Die dabei auftretenden solistischen Teile wurden von den Musikern souverän bewältigt. Genau jene Teile waren es, die den Zuhörern große Auf- merksamkeit abverlangten, sie aber gleichzeitig auch in ihren Bann zogen. Die nachfolgenden Stücke, wie z.B. "Utopia" (Jacob de Haan) oder "Magic Mancini" (Heury Mancini) profitierten trotz ihrer "dicken" Arrangements von der Sensibilisierung der Zuhörer. Der abschließende Beifall, der dies bewies, erzwang bereits vor der Pause eine Zugabe!

Die Gastkapelle aus Volders, welche mit ihrer stattlichen Anzahl von Musikern die Bühne fast sprengte, erreichte dies offensichtlich auf einem ganz anderen Weg. Schon ein Blick auf das vorgesehene Programm ließ den Unterschied vermuten, trugen doch vier der angekündigten neun Stücke den Titel "Marsch". Doch wer skeptisch den Dingen entgegensah, wurde überrascht So können, müssen die österreichischen (k.u.k.) Militärmärsche klingen, wie sie die Senseler Musikkapelle unter der Stabführung von Kapellmeister Herbert Harb darboten. Der weiche und runde Gesamtklang und die unglaublich "musikantische" Spielweise rissen das Publikum zu wahren Beifallsstürmen hin. Derart glaubhafte Interpretationen hört man in unseren Breiten praktisch nie, dies liegt wohl u. a. daran, dass die Musiker aus Tirol ein gänzlich anderes Traditionsbewusstsein und -verständnis besitzen, geht doch auch der Begriff "Senseler" auf Ereignisse der Schlacht am Berg Isel (bei Innsbruck) 1809 zurück.

Dass sich dies sehr gut auch mit moderneren Tönen verträgt, bewiesen die Titel "Buglers Holiday" (L. Anderson) mit drei solistischen Trompeten und "Hoffmanns- tropfen" (Hoffmann), einem Dixie für drei Soloposaunen und Blasorchester. Dennoch kehrten die Gäste schließlich wieder dorthin zurück, wo sie am Anfang begannen, und dies zur sichtlichen Freude der Zuhörer: Als allerletzte Zugabe erklang der "Radetzky-Marsch".

Bleibt abschließend nur noch dem Jubilar zu wünschen, dass er sein 50jähriges Jubiläum unter angemesseneren räumlichen Bedingungen feiern darf.

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